Ich merke es jedes Jahr ungefähr zur gleichen Zeit.
Nicht an einem Datum. Nicht, weil irgendetwas eskaliert.Eher in diesen unscheinbaren Momenten zwischendurch.
Ich sitze da, arbeite, treffe Entscheidungen, alles läuft. Termine, Zahlen, Gespräche. Von außen betrachtet gibt es keinen Grund, irgendetwas zu verändern.
Und trotzdem fühlt es sich nicht mehr sauber an.
Die Gedanken springen schneller. Dinge bleiben offen. Ich reagiere mehr, als dass ich bewusst entscheide. Kein Chaos. Aber auch keine Klarheit.
Und genau dann taucht dieser Gedanke auf, leise, aber eindeutig:
Es wird Zeit zu fasten.
Ich mache das seit Jahren. Nicht als Experiment. Nicht, weil es gerade modern ist. Sondern weil ich weiß, was passiert, wenn ich bewusst etwas rausnehme, das sonst immer da ist.
Ich buche dann Österreich.
Nicht, weil ich dort besser faste. Sondern weil ich Abstand brauche. Einen klaren Rahmen. Raus aus dem Gewohnten, raus aus den Triggern, raus aus diesem permanenten „noch schnell das“.
Und dann mache ich etwas, das für viele erstmal widersprüchlich klingt:
Ich fahre weg… und höre auf zu essen.
Nicht wegen Gewicht. Das ist Nebengeräusch. Es geht mir um etwas anderes.
Reinigung. Innen.
Wenn ich aufhöre zu essen, passiert nicht weniger. Es passiert mehr. Der Körper schaltet nicht ab, er schaltet um. Und genau hier wird es interessant.
Ein zentraler Prozess dabei ist Autophagie.
Der Körper beginnt, alten, beschädigten Zellmüll abzubauen und zu recyceln. Dinge, die nicht mehr sauber funktionieren, werden zerlegt. Brauchbare Teile werden wiederverwendet. Kein Luxus. Reine Effizienz.
Wie bei einem Uhrwerk.
Wenn du es ständig antreibst, aber nie öffnest und reinigst, läuft es irgendwann weiter… aber ungenau. Kleine Ablagerungen, minimale Störungen. Nichts Dramatisches. Aber die Präzision geht verloren.
Und genau das passiert auch mit uns.
Zu viel Input.Zu viele Entscheidungen.Zu viele Dinge, die irgendwo liegen bleiben.
Fasten ist für mich der Moment, in dem ich dieses Uhrwerk nicht weiter belaste, sondern ihm erlaube, sich selbst zu justieren.
Und parallel passiert das Gleiche im Kopf.
Die ersten Tage sind noch unruhig. Gewohnheiten melden sich. Der Impuls, etwas zu nehmen, etwas zu tun, irgendetwas zu kompensieren.
Aber ich nehme genau das raus.
Kein Essen. Kein Ausweichen. Kein „nur heute mal“.
Und dann entsteht Raum.
Und in diesem Raum wird sichtbar, was sonst überdeckt ist:
Unruhe.Offene Gedanken.Emotionale Reste.
Das ist der unangenehme Teil.Aber genau das ist die eigentliche Reinigung.
Nicht Detox im körperlichen Sinne.Sondern ein Aufräumen im Inneren.
Gedanken werden klarer. Entscheidungen ruhiger. Dinge verlieren an künstlicher Dringlichkeit. Ich reagiere weniger. Ich beobachte mehr.
Und genau hier trifft das Ganze auf das, was Nassim Nicholas Taleb beschreibt.
Antifragilität bedeutet nicht, alles im Griff zu haben.Sondern so gebaut zu sein, dass man mit Stress umgehen kann.
Fasten ist für mich genau das:
Ein bewusst gesetzter Stressor.Kein Essen. Weniger Reize. Weniger Komfort.
Aber kontrolliert. Gewählt. Wiederholbar.
Ich zwinge mein System, sich anzupassen.
Ich lerne, dass ich nicht auf jeden Impuls reagieren muss.Dass ich Unruhe aushalten kann.Dass Klarheit entsteht, wenn ich nichts hinzufüge.
Während draußen alles auf mehr optimiert ist, trainiere ich das Gegenteil:
Mit weniger stabil zu bleiben.
Denn jemand, der wenig braucht, ist schwer zu destabilisieren.
Und genau deshalb fahre ich nach Österreich.
Nicht, um mich zurückzuziehen.Sondern um mich neu auszurichten.
Damit das Uhrwerk wieder sauber läuft.