In einer aktuellen Analyse argumentieren die Analysten von Heraeus, dass Gold seine Rolle als traditionelle sicher Hafen verloren hätten. Nach einer außergewöhnlichen zehnjährigen Rally, habe sich Gold von einem defensiven Vermögenswert zu einem spekulativen Asset gewandelt, so die Analysten. Die jüngsten starken Kursrückgänge seien Ausdruck gehebelter Positionen, ausgelöster Stop-Loss-Orders und steigender Marginanforderungen.
Auf den ersten Blick wirkt diese Einschätzung nachvollziehbar. Die Volatilität ist hoch.
Silber reagiert noch sensibler als Gold. Das Gold-Silber-Verhältnis ist auf 60 gestiegen, was die stärkere Schwankungsanfälligkeit von Silber unterstreicht.
Auch die erhöhten Marginanforderungen haben Verkaufsdruck erzeugt.
Der Markt wirkt nervös, überhitzt und technisch anfällig.
Doch die entscheidende Frage lautet:
Bedeutet höhere Volatilität, dass Gold und Silber ihre Funktion als sichere Häfen verloren haben?
Die Antwort ist differenzierter.
Volatilität ist kein Widerspruch zur Funktion als Absicherung. Sie ist vielmehr Ausdruck eines Marktes, der stark positioniert war und nun technische Übertreibungen abbaut.
Gehebelte Positionen, Margin Calls und Stop-Loss-Ketten sagen wenig über den strategischen Wert eines Vermögenswerts aus – sie sagen viel über Marktmechanik aus.
Gleichzeitig bleibt die fundamentale Nachfrage intakt. Laut dem World Gold Council erreichte die Gesamtnachfrage im vergangenen Jahr mit rund 5.000 Tonnen einen historischen Rekord. Investitionsströme kompensierten die schwächere Schmuck- und Industrienachfrage.
Auch wenn die Käufe der Zentralbanken unter dem Rekordniveau lagen, bewegen sie sich weiterhin auf historisch hohen Werten.
Hier liegt der entscheidende Punkt: Wer Gold als Spekulation betrachtet, wird in volatilen Phasen verunsichert. Wer Gold jedoch als strategische Vermögensversicherung versteht, bewertet solche Bewegungen anders.
Ein sicherer Hafen bedeutet nicht, dass der Preis nie fällt. Er bedeutet, dass der Vermögenswert außerhalb des Kredit- und Schuldensystems existiert, keine Gegenpartei benötigt und langfristig Kaufkraft bewahrt. Gold erfüllt diese Kriterien weiterhin.
Seine kurzfristigen Schwankungen ändern nichts an seiner strukturellen Rolle.
Silber reagiert naturgemäß sensibler, da es sowohl monetäre als auch industrielle Eigenschaften besitzt. Seine höhere Volatilität ist kein neues Phänomen, sondern historisch belegt.
Gerade in Phasen starker Marktbewegungen fällt Silber schneller – und steigt häufig ebenso dynamisch.
Die aktuelle Diskussion zeigt vor allem eines:
Viele Marktteilnehmer betrachten Edelmetalle durch die Linse kurzfristiger Preisbewegungen.
Doch Gold ist kein Momentum-Trade. Es ist ein strategischer Baustein zur Stabilisierung von Vermögen in einem Umfeld hoher Staatsverschuldung, geopolitischer Spannungen und struktureller Inflation.
Ob der Goldpreis kurzfristig bei 4.400 oder 5.000 Dollar notiert, ist für diese Funktion zweitrangig.
Entscheidend ist, dass Gold keine Forderung an einen Schuldner ist, nicht beliebig vermehrt werden kann und sich historisch als Schutzinstrument bewährt hat.
Die Einschätzung, Gold sei kein sicherer Hafen mehr, verwechselt Marktvolatilität mit struktureller Schwäche. Tatsächlich zeigt die starke Nachfrage, dass Institutionen und Investoren weiterhin Absicherung suchen – auch wenn die Preise zwischenzeitlich schwanken.
Gold ist keine Garantie für steigende Kurse. Es ist eine Versicherung gegen systemische Risiken.
Und Versicherungen verlieren ihren Zweck nicht, nur weil ihre Bewertung kurzfristig schwankt.