Der Krieg gegen die Bequemlichkeit
Manchmal frage ich mich, ob eine Gesellschaft nicht genau dann in Schwierigkeiten gerät, wenn sie beginnt, ihre größten Erfolge für selbstverständlich zu halten.
Stell dir vor, ein Außerirdischer landet in Deutschland.
Er schaut sich um.
Volle Supermärkte. Warme Wohnungen. Krankenhäuser. Straßen. Internet. Autos. Urlaubsreisen.
Und dann beobachtet er die Menschen.
Sie streiten darüber, wer für all das verantwortlich ist. Nicht darüber, wie man es erhält. Das fand ich schon immer faszinierend.
Als Friedrich Merz sagte, dass es schwieriger sei, eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern als ein zerstörtes Land wieder aufzubauen, entstand sofort Empörung.
Mich interessiert etwas anderes.
Was wäre, wenn Wohlstand dieselbe Wirkung auf Gesellschaften hätte wie Zucker auf den menschlichen Körper?
Am Anfang fühlt es sich großartig an. Später wird jede Bewegung anstrengender. Nach dem Krieg mussten die Menschen Häuser bauen.
Heute bauen wir Formulare. Nach dem Krieg fehlte Zement. Heute fehlen Genehmigungen. Nach dem Krieg brauchte man Maurer. Heute braucht man Gutachter, Berater, Prüfer, Kontrolleure und jemanden, der kontrolliert, ob die Kontrolleure richtig kontrollieren.
Fortschritt, nehme ich an.
Manchmal stelle ich mir vor, wie ein Handwerker aus dem Jahr neunzehnhundertfünfzig in unsere Zeit reist.
Er möchte eine kleine Werkstatt eröffnen.
Wahrscheinlich hätte er sein Geschäft gebaut, bevor er verstanden hätte, welche Formulare er ausfüllen muss.
Und genau darin steckt vielleicht eine unangenehme Wahrheit.
Menschen fürchten Armut. Gesellschaften sollten Bequemlichkeit fürchten. Armut zwingt zum Handeln. Bequemlichkeit erzeugt Geschichten darüber, warum Handeln gerade nicht möglich ist.
Ich beobachte das nicht nur in der Politik. Ich beobachte es an den Finanzmärkten. In Unternehmen. In Familien. Überall.
Sobald etwas lange funktioniert, entsteht die Überzeugung, es müsse immer funktionieren.
Die Börse steigt? Dann wird sie wohl weiter steigen.
Die Renten werden gezahlt? Dann werden sie wohl weiter gezahlt.
Der Staat funktioniert? Dann wird er wohl weiter funktionieren.
Es ist dieselbe Logik wie beim Truthahn. Dreihundert Tage lang wird er gefüttert. Jeden Tag bestätigt die Realität seine Prognose. Am 300. Tag kommt Thanksgiving. Der Truthahn nennt das einen Schwarzen Schwan. Der Metzger nennt das Donnerstag.
Vielleicht sind die größten Risiken deshalb nicht sichtbar. Vielleicht sitzen sie nicht draußen vor der Tür. Vielleicht sitzen sie bereits im Wohnzimmer. Gemütlich auf dem Sofa. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Und flüstern:
„Mach dir keine Sorgen. Morgen wird alles so sein wie heute.“
Genau dieser Satz hat in der Geschichte erstaunlich selten recht behalten.
Deshalb interessiert mich die Aussage von Merz gar nicht besonders.
Viel spannender finde ich die Reaktion darauf.
Denn wann immer ein Satz mehr Empörung als Nachdenken auslöst, beginnt mein Misstrauen zu arbeiten.
Und dann frage ich mich:
Ist die größte Bedrohung für eine wohlhabende Gesellschaft wirklich der Mangel an Geld?
Oder ist es die Gewissheit, bereits angekommen zu sein?
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4 comments
Ronny Wagner
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Der Krieg gegen die Bequemlichkeit
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