„Das haben wir so aber nicht besprochen.“
In klassischen Softwareprojekten hörst du diesen Satz meistens kurz vor dem Livegang. Das ist ärgerlich und verursacht Zusatzkosten. Der Partner zeigt dir das fertige System und du stellst fest, dass die Kernfunktion fehlt. Oder sie wurde falsch verstanden. Jede Korrektur kostet ab jetzt extra Geld.
Es gibt jedoch eine Disziplin, die genau das verhindert. Sie heißt REQM – Requirements Management, das Anforderungsmanagement aus dem CMMI-Standard. CMMI (Capability Maturity Model Integration) ist ein Reifegradmodell und Framework. Das klingt nach IT-Bürokratie. Sie ist aber vielleicht die wichtigste Fähigkeit im KI-Zeitalter.
Denn hier kommt der Punkt, den kaum jemand ausspricht: Dieselbe Regel, die dich vor einem schlechten Softwarepartner schützt, schützt dich auch vor einem wildgewordenen KI-Agenten.
Vibe Coding hat dasselbe Problem wie eine vage Absprache per Zuruf.
Beim Vibe Coding tippst du eine Idee, die KI schreibt den entsprechenden Code, den du nur noch zu überprüfen und zu übernehmen brauchst. In der Demo läuft alles. Dann kommt der echte Betrieb – und die App bricht bei Datenschutz, Zahlungen und Skalierung zusammen.
Goethe hat das vor 200 Jahren in seiner Geschichte vom Zauberlehrling beschrieben, der Kräfte ruft, die er nicht mehr steuern kann.
Der Grund ist derselbe wie im gescheiterten Projekt mit dem externen Partner. Die Anforderungen waren nie klar definiert. Der Ausführende – Mensch oder Agent – füllt die Lücke so, wie es für ihn am einfachsten ist. Selten so, wie es für dein Geschäft am sinnvollsten wäre.
Ein KI-Agent liest keine Gedanken. Er interpretiert deinen Kontext. Wenn du ihn schlecht führst, arbeitet er schnell und selbstbewusst am Ziel vorbei.
Der gedankliche Grundriss ist heilig. Er ist die schöpferische Blaupause. Nenne sie dein Devine Blue Print.
Ich, Gerardo, halte einen Gedanken für den wichtigsten überhaupt: Die wertvollste Zeit im gesamten Projekt liegt vor der ersten Zeile Code. In deiner göttlichen Inspiration!
Es ist die Zeit des Vorausdenkens. Die Zeit, in der du jenseits des schon Gedachten imaginierst. Es ist die Zeit des schriftlichen, kreativen, schöpferischen Denkens. Das Planen aus Intuition und Ratio.
Bevor du ein KI-Projekt startest, solltest du klären, welche Ziele du wirklich erreichen willst. Definiere einen Zielkorridor. Und dann tue etwas, das die meisten überspringen. Validiere diesen Korridor mit der 'stärksten' und aktuellsten KI (LLM). Lass spezielle KI-Agenten kritisch deinen Plan prüfen, ergänzen und weiterdenken. Verstehe und lasse los.
ACHTUNG! Beherzigen.
Genau hier setzt du die stärkste KI ein, die du hast. Im Planungsmodus mit einem Modell wie Claude Fable 5 entstehen Ideen, auf die du allein nicht gekommen wärst. Du denkst groß, bevor du klein baust.
Das Fundament muss in der Planvariante genau sitzen. Der gedankliche Grundriss trägt später jede Wand. Steht er schief, hilft dir kein noch so guter Agent. Steht er klar, wird das Bauen zur Formsache.
Drei Regeln. Damals für den Software-Partner. Heute für deinen Agenten.
REQM lebt von drei einfachen Regeln. Übersetze sie ins Agentic Coding und aus dem Zauberlehrling wird der Meister.
1. Rückkopplung erzwingen.
Beim Software-Partner galt: Lass dir jede Anforderung in seinen eigenen Worten schriftlich spiegeln. Erst wenn er verstanden hat, warum du eine Funktion brauchst, schreibt er den passenden Code.
Beim KI-Agenten machst du genau das. Bevor er baut, lässt du ihn die Aufgabe zurückformulieren. „Fasse zusammen, was du gleich baust und warum.” Diese eine Zwischenstufe fängt die meisten Missverständnisse ab, bevor sie in Code umgesetzt werden. In der Praxis nennt man das 'Spec-Driven Development': erst die Spezifikation, dann der Bau. Ein Lastenheft für deinen Agenten.
2. Änderungen bekommen einen Prozess.
Deine Anforderungen ändern sich während des Projekts. Das ist gut, natürlich und gesund. Beim externen Partner galt: Keine „schnelle Anpassung” ohne offengelegte Folgen für Budget, Ergebnis und Zeit.
Beim Agenten gilt dasselbe. „No change without CR” – keine Änderung ohne bewusste Freigabe.
Es darf keine Änderung am Projektumfang, an Anforderungen oder an produktiven Systemen vorgenommen werden, ohne dass dafür ein formeller Change Request (CR) erstellt, bewertet und genehmigt wird.
Jeder größere Umbau wird sichtbar gemacht, bevor der Agent loslegt. Sonst entsteht das, was Profis Schattenumfang nennen. Funktionen wuchern außerhalb deiner Basislinie und niemand weiß mehr, warum die App das tut, was sie tut.
3. Rückverfolgbarkeit einfordern. Eine Stärke bei Laempe IT-Projekten.
Fordere von deinem Partner eine Liste, die jede Anforderung mit einem Testfall verknüpft. So siehst du sofort, ob wirklich alles geliefert wurde.
Für Agenten ist diese Regel überlebenswichtig. Ein KI-Ergebnis wirkt oft perfekt, kann aber trotzdem falsch sein. Deshalb solltest du jede Anforderung mit einer Prüfung verknüpfen: Ist die Aufgabe wirklich fertig? Passt das Ergebnis zur Absicht? Hat der Agent sicher gearbeitet? Diese Verifikations- und Feedback-Schleifen sind keine Extras, sondern essenziell. Sie sind der Kern. Gib außerdem Anweisungen zur Cybersecurity an die KI. Sicherheit first.
Genau hier beginnt Harness Engineering.
Ein KI-Modell allein ist roher Antrieb. Ein Pferd ohne Geschirr. Der Harness ist das System drumherum, das diese Kraft lenkt: Regeln, Rollen, Kontext, Speicher, Berechtigungen, Verifikation, Audit-Logs, menschliche Freigaben.
Studien zeigen: Dasselbe Modell arbeitet je nach Harness bis zu sechsmal wirksamer. Das Modell bleibt gleich. Es ist das System drumherum, das entscheidet.
Schau dir an, woraus dieser Harness besteht. Rückkopplung. Änderungsprozesse. Rückverfolgbarkeit. Freigaben. Das sind die drei REQM-Regeln, nur in die Sprache der KI-Agenten übersetzt.
Harness Engineering steht für Anforderungsmanagement für Maschinen.
Der Punkt bleibt...
Wer glaubt, KI mache Disziplin überflüssig, verwechselt Geschwindigkeit mit Richtung. KI liefert Tempo. Du lieferst die Aufrichtung, die Leitplanken, Scheuklappen, den Fokus und das Geschirr für das Pferd (Harness).
Die Frühstarter im KI-Zeitalter sammeln keine Tools. Sie bauen Systeme, die führen. Und sie führen diese Systeme mit derselben Klarheit, mit der ein guter Auftraggeber schon immer seinen Softwarepartner geführt hat.
„Human in the Lead” ist kein Sicherheitsanker. „Human in the Lead” und „Human in the Loop” verschaffen dir den Vorsprung. Galoppiere davon ... nutze die Zeit!
Frag dich heute: Lässt du deine KI eigentlich zurücksprechen, bevor sie baut? Oder nickst du noch?
Was sind deine Gedanken zu diesem gesamten Thema?