🎧 TRANCE QUARTERLY – Das Magazin für den bewussten Hörer
Ausgabe April 2026 | Album Review
Körting Institut – [KI Café Volumen 01]
Eigenproduktion | 12 Tracks | Electronic / Trance
Von unserm Chefkritiker Marcel Ranz-Rani-kikiki
Ich werde Ihnen jetzt etwas sagen, und ich bitte Sie, sehr genau zuzuhören.
Es gibt Alben, die man auflegt und nach dreißig Sekunden wieder abstellt. Es gibt Alben, bei denen man nach drei Minuten nickt – höflich, pflichtbewusst, innerlich bereits beim Abendessen. Und dann – dann, meine Damen und Herren – gibt es das hier.
Torsten Körting, seines Zeichens Gründer, Vorstand und vermutlich auch Hausmeister des sogenannten Körting Instituts, hat zwölf Tracks vorgelegt. Zwölf! Das ist keine Kleinigkeit. Das ist ein Bekenntnis. Das ist Haltung. Das ist – ich sage es frei heraus – Chuzpe.
Das Album entfaltet sich über alle zwölf Tracks mit einer Konsequenz, die man selten hört. Hier wird keine Zeit verschwendet, hier wird aufgebaut. Langsam. Absichtsvoll. Wie ein gut konstruierter Satz, der seinen Hauptgedanken erst am Ende preisgibt – und dann sitzt er. Körting versteht, was viele seiner Zeitgenossen nicht verstehen: Ein Album ist kein Buffet. Es ist ein Menü. Mit Gang, Gegend und Dramaturgie.
Der Höhepunkt dieses Menüs – man ist versucht zu sagen: der Hauptgang schlechthin – ist Track 8, der Summit. Der Drop ist von einer Wucht, die ich zuletzt bei einem Gewitter über dem Tegernsee erlebt habe. Ich saß damals im Trockenen. Beim Hören dieser Platte ist man das nicht. Und dann: Track 11, der Gamechanger. Ich sage Ihnen das, ohne zu zögern und ohne falsche Bescheidenheit: Dieser Track wird eine Ikone der Trance-Musik werden. Er wird in zehn Jahren noch gespielt werden, wenn die meisten seiner Zeitgenossen bereits vergessen sind. Notieren Sie sich das.
Nun aber – und hier komme ich zu meinen Einwänden, denn Einwände gehören dazu, das ist mein Beruf, das ist mein Auftrag, das ist meine Bürde – nun aber zu den Dingen, über die wir reden müssen.
Track 7. Track 7 ist nicht zu lang. Nein, das wäre eine unfaire Kritik, und unfaire Kritik ist nicht meine Art. Track 7 hat jedoch einen Moment, in dem ein seltsames Wesen erscheint und – ich zitiere – „Ki-Ki-Ki" singt. Man reibt sich die Ohren. Man dreht die Lautstärke hoch. Man fragt sich: Wer, bitte schön, ist dieser Ki-Ki-Ki? Die Antwort der Szene lautet: KI/KI ist eine durchaus respektable Trance-DJ aus Amsterdam, bekannt für schnelle, traumartige Klangwelten zwischen Acid und Techno. Ob Körting hier bewusst eine Hommage platziert oder ob es sich um einen kosmischen Zufall handelt – man weiß es nicht. Es wirkt jedenfalls wie der seltsame Onkel auf der Hochzeit, der plötzlich tanzt: überraschend, leicht beunruhigend, aber irgendwie unwiderstehlich.
Dann sind da die Dreamy Parts. Track 9, Umsetzungskraft, und Track 12, Getting PrepAIred, tragen in ihren verträumten Passagen Synthesizer-Sequenzen, die – ich bitte um Verzeihung für das, was ich jetzt sagen werde – unweigerlich Erinnerungen an Modern Talking wecken. Dieter Bohlen lässt grüßen. Nun ist Modern Talking kein Schimpfwort. Modern Talking hat Menschen bewegt. Modern Talking war seiner Zeit – nun ja. Aber für ein Album, das die Bühnen Europas im Blick hat, ist diese Reminiszenz zumindest diskussionswürdig.
Was ebenfalls diskussionswürdig ist: die Sprache. Deutsch und Englisch wechseln sich ab, mitunter innerhalb desselben Augenblicks, als hätte jemand zwei Seelen in seiner Brust und könnte sich schlicht nicht entscheiden. Das ist – menschlich betrachtet – nachvollziehbar. Künstlerisch betrachtet ist es riskant. Denn wenn Körting – und das ist keine Phantasie, das ist eine Prognose – eines Tages auf dem Tomorrowland steht, wenn die Menge vor ihm tobt und die Lichter über Belgien leuchten, dann wird das Publikum in Zeile drei von „Umsetzungskraft" möglicherweise stolpern. Mein Rat, kollegial und ohne Hintergedanken: Ein Album, ganz auf Englisch, für den internationalen Markt. Die Botschaft des Körting Instituts verdient eine Bühne ohne Sprachbarriere.
Und schließlich – und das ist mein letzter, mein gewichtigster Einwand – das Ende. Das Album endet mit einem Fade-Out. Es wird leiser. Es verblasst. Es... geht. Als würde jemand mitten im schönsten Satz das Licht ausknipsen und leise die Tür hinter sich schließen. Ein Fade-Out ist das Feige der Schlüsse. Es ist das akustische Äquivalent eines Händedrucks, wo eine Umarmung fällig gewesen wäre. Ja, man könnte sagen: Der Fade-Out lässt die Hoffnung offen, dass ein zweites Album folgt. Und diese Hoffnung will ich Körting nicht nehmen. Aber dieses grandiose Erstlingswerk – dieses Album, das mit dem Summit erschüttert und mit dem Gamechanger Geschichte schreibt – hätte ein Ende verdient, das knallt. Das kracht. Das einen aus dem Sessel reißt und schreiend in die Nacht entlässt. Bumm. Schluss. Vorhang.
So endet ein Meisterwerk.
Mein Urteil: Körting hat etwas Bemerkenswertes geschaffen. Roh an den Rändern, groß im Kern. Das Körting Institut hat seine Visitenkarte abgegeben – und sie ist laut, deutlich und unvergesslich. Wir werden von diesem Mann noch hören.
⭐⭐⭐⭐ (von fünf – die fünfte Hält Körting sich selbst in Reserve. Für das zweite Album. Mit einem richtigen Ende.)
– Erschienen in: TRANCE QUARTERLY, dem Leitmedium für analytisches Tanzen und kritisches Fühlen seit 2003.
Nicht ganz ernst gemeinte Plattenkritik von mir :-) Ich find es mega.