Ich bin seit über 30 Jahren in der IT‑Branche tätig und möchte eine Anmerkung zum häufig behaupteten Fachkräftemangel in diesem Bereich machen. Nach meiner beruflichen Erfahrung besteht in der IT kein tatsächlicher Fachkräftemangel. Vielmehr zeigt sich, dass viele Unternehmen davon ausgehen, ein Bewerber müsse das Anforderungsprofil zu 100 % erfüllen und darüber hinaus bereits vorab „kulturell“ in das bestehende Team passen.
Dabei scheint in Vergessenheit zu geraten, dass sowohl eine strukturierte Einarbeitung als auch eine gesetzlich vorgesehene Probezeit existieren, die gerade dazu dienen, fachliche und persönliche Passung zu entwickeln und zu überprüfen. Stattdessen werden vielfach unrealistisch hohe Anforderungen formuliert, die faktisch als Ausschlusskriterien wirken und es ermöglichen, Bewerbungen ohne vertiefte Prüfung abzulehnen.
Hinzu kommt, dass zahlreiche Unternehmen offenbar nicht ernsthaft rekrutieren, sondern ohne klare Bedarfsanalyse und ohne strukturierten Auswahlprozess Stellenanzeigen veröffentlichen. Auch Personalvermittler berichten mir übereinstimmend, dass qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten vorhanden sind, jedoch zunehmend nicht mehr vermittelt werden können, weil Unternehmen in ihren Erwartungen keinerlei Flexibilität zeigen und Absagen bevorzugen, anstatt realistische Auswahlentscheidungen zu treffen.