Schattenarbeit ist nicht der Weg in die Dunkelheit. Sie ist der Mut, dort Licht hinzubringen, wo Du Dich selbst verlassen hast. Was bedeutet Schattenarbeit nach dem Psychiater C. G. Jung eigentlich, der diesen Ausdruck geprägt hat? Schattenarbeit ist kein spiritueller Trend. Sie ist auch keine Methode, um „positiver“ zu werden. Und sie bedeutet ganz sicher nicht, dass man sich ein bisschen mit seinen schlechten Eigenschaften beschäftigt und danach erleuchtet durchs Leben schwebt. Schattenarbeit, so wie C. G. Jung sie verstanden hat, beginnt an einem sehr unbequemen Punkt: Bei dem, was wir an uns selbst nicht sehen wollen. Jung ging davon aus, dass jeder Mensch einen sogenannten „Schatten“ in sich trägt. Damit meinte er all jene Anteile unserer Persönlichkeit, die wir verdrängt, abgespalten oder nie bewusst angenommen haben. Das können Wut, Neid, Eifersucht, Machtbedürfnis, Angst, Scham oder Schuld sein. Aber es können genauso auch Lebendigkeit, Kreativität, Sinnlichkeit, Stärke, Mut oder klare Grenzen sein. Denn der Schatten besteht nicht nur aus „dunklen“ Eigenschaften. Er besteht aus allem, was in unserem Leben keinen Platz haben durfte. Vielleicht durfte ein Kind nicht wütend sein. Also wird die Wut verdrängt. Vielleicht durfte ein Kind nicht laut, wild oder sichtbar sein. Also wird die Lebendigkeit verdrängt. Vielleicht musste ein Kind immer funktionieren. Also wird die eigene Bedürftigkeit verdrängt. Vielleicht wurde Liebe an Anpassung geknüpft. Also lernt der Mensch, Teile von sich zu verstecken, um geliebt zu werden. Und genau diese versteckten Anteile verschwinden nicht einfach. Sie wirken weiter. Nur eben nicht bewusst. Sie zeigen sich in unseren Reaktionen. In unseren Beziehungsmustern. In den Menschen, die uns immer wieder triggern. In den Situationen, die sich scheinbar wiederholen. In der Art, wie wir uns selbst sabotieren. In dem, was wir an anderen besonders verurteilen. Denn oft ist das, was uns an anderen am meisten aufregt, ein Hinweis auf etwas, das in uns selbst nicht integriert ist.