Jahrzehntelang finanzierten Japan, Deutschland und andere Exportnationen das amerikanische Defizit. Jetzt zieht sich der erste große Gläubiger zurück – und mit ihm beginnt eine Zeitenwende für den US-Dollar und die globale Finanzarchitektur.
Das globale Finanzsystem beruht seit Jahrzehnten auf einer stillen Abmachung: Die USA konsumieren mehr als sie produzieren, und der Rest der Welt – allen voran Japan und Deutschland – verleiht ihnen dafür Geld. Dieses Modell funktioniert so lange, wie die Gläubiger bereit und in der Lage sind, amerikanische Staatsanleihen zu kaufen. Genau diese Bereitschaft bröckelt nun. Nicht dramatisch, nicht über Nacht – aber strukturell und unaufhaltsam.
Das Fundament: Das amerikanische Privileg
Seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1971 hat der US-Dollar eine einzigartige Rolle im Weltfinanzsystem. Als globale Leitwährung können die USA ihr Leistungsbilanzdefizit durch die Ausgabe eigener Währung finanzieren – ein Privileg, das der Ökonom Barry Eichengreen einmal als „übermäßiges Privileg“ (exorbitant privilege) bezeichnet hat. Das Resultat ist bekannt: Das US-Leistungsbilanzdefizit betrug 2024 rund 1,13 Billionen Dollar – knapp vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie noch 2019. Für 2025 lag es laut US-amerikanischem Bureau of Economic Analysis noch immer bei rund 1,12 Billionen Dollar. Die Nettovermögensposition der USA gegenüber dem Ausland ist auf minus 27,54 Billionen Dollar gesunken – eine astronomische Schuldenlast, finanziert von ausländischen Gläubigern. Den Löwenanteil dieses Finanzierungsbedarfs trugen traditionell Länder mit chronischen Leistungsbilanzüberschüssen: Japan, Deutschland, China, Südkorea und die Golfstaaten. Sie alle akkumulierten Dollar-Reserven und parkten diese in US-Staatsanleihen (Treasuries) – einer Anlageform, die als sicher, liquide und politisch stabil galt. Dies schuf ein globales Gleichgewicht, das manche Ökonomen als „Bretton Woods II“ bezeichnet haben: Exportnationen finanzieren die amerikanische Nachfrage, die wiederum ihre eigenen Exporte sichert.
Japan: Der erste große Gläubiger dreht den Geldhahn zu
Japan ist mit Abstand der weltgrößte Nettogläubiger.