Dass ein eigentlich rein praktisches Thema wie die Handschrift von Kindern derart politisiert werden konnte, hat viel mit deutscher Reformgeschichte, Bildungsphilosophie und Verlagsinteressen zu tun. Die politische Dimension der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) und die Ablehnung in Österreich und der Schweiz erklären sich durch folgende Faktoren: 1. Warum die VA in Deutschland so politisch wurde Die Geschichte der VA ist ein Lehrstück über das Aufeinandertreffen von Reformeifer, Verbandsinteressen und parteipolitischen Kulturkämpfen: - Der „Fortschrittsglaube“ der 1970er-Jahre: - Die VA wurde 1969/1970 von Heinrich Grünewald entwickelt und ab 1973 erprobt. Sie entstand im Geist der damaligen Bildungsreformen: Alles sollte systematischer, rationeller, genormter und chancengleicher werden. Das Versprechen, Kindern den „Umweg“ über komplizierte Schwünge zu ersparen, passte perfekt zum Zeitgeist. - Wirtschafts- und Verlagsinteressen: - Sobald eine neue Schrift als Option in Schulbuchkatalogen auftaucht, geht es um hunderte Millionen Euro. Schulbuchverlage brachten massenhaft neue Fibeln und Arbeitshefte heraus. War eine Schule erst einmal umgestellt, blieb sie aus Kostengründen oft jahrzehntelang dabei. - Ideologischer Kulturkampf („Tradition vs. Moderne“): - Die Debatte um die VA wurde in Deutschland schnell zu einem parteipolitischen Symbolthema: - Progressive/Reformorientierte Kräfte verteidigten die VA (und später die Grundschrift) als kinderfreundlich, pragmatisch und modern. - Konservative Kräfte sahen im Aufgeben der klassischen Schreibschrift (wie der Lateinischen Ausgangsschrift) einen Kulturbruch, den Niedergang der Ästhetik und den Verfall von Disziplin und Motorik. - Der Ost-West-Gegensatz nach 1990: In der DDR war 1968 die Schulausgangsschrift (SAS) eingeführt worden. Nach der Wiedervereinigung zeigten schreibmotorische Vergleiche schnell, dass die ostdeutsche SAS (die runde, natürliche Verbindungen nutzte) der westdeutschen VA motorisch weit überlegen war. Dass westdeutsche Kultusministerien dennoch jahrzehntelang an der VA festhielten, wurde von Kritikern als bildungspolitischer Dünkel gewertet.